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Psychische Erkrankungen im BEM: Das sollten Sie beachten

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Das BEM für Beschäftigte mit einer psychischen Erkrankung weist einige Besonderheiten auf, die im BEM-Prozess berücksichtigt werden sollten. Eine wesentliche Herausforderung für alle Beteiligten ist, dass es sich um eine „unsichtbare“ Erkrankung handelt: Einen Bandscheibenvorfall sieht man auf einem MRT-Bild, eine Depression nicht. Sie erschließt sich nur aus den Berichten der betroffenen Menschen bzw. der subjektiven Einschätzung eines Arztes bzw. einer Ärztin. Da psychische Erkrankungen trotz aller Aufklärungsarbeit noch immer ein Tabuthema sind, werden sie sowohl von den Betroffenen als auch dem Umfeld oftmals verleugnet oder es wird sogar mit Abwehr reagiert.

Daher erfordert der Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeiter:innen im BEM eine besondere Sensibilität. Betroffene Mitarbeiter:innen können sich leicht stigmatisiert fühlen oder haben Angst, durch ihre Erkrankung berufliche Nachteile zu erfahren. Die Tatsache, dass Betroffene aufgrund mangelnder Kapazität häufig keine Psychotherapie finden, erschwert eine adäquate und zeitnahe Behandlung der Störung.

So gehen Sie im BEM vor

Da Menschen mit psychischen Störungen sich nicht grundsätzlich von solchen mit anderen Erkrankungen unterscheiden, bleibt auch das übliche Vorgehen im BEM gleich. Doch einige Aspekte sollten besonders berücksichtigt werden.

Eine mittelschwere oder auch schwere Erkrankung macht oft eine stationäre Behandlung notwendig. Ein Grundsatz gerade beim BEM für Menschen mit psychischen Erkrankungen lautet: „Beginne früh, begleite lang“. Der erste Kontakt sollte entsprechend schon während der stationären oder teilstationären Behandlung erfolgen. Hier sind die Termine meist eher kürzer und dienen dazu, den Kontakt herzustellen.

Der Einstieg ins BEM erfolgt natürlich auch hier über die Informationsphase, die auch zum Beziehungsaufbau dient. Da Menschen mit psychischen Erkrankungen tendenziell sensibler reagieren, ist diese Phase besonders wichtig. Eine akzeptierende, zugewandte Gesprächsführung ist hier elementar und sollte zum Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung führen.

In der Phase der Situationsanalyse geht es darum, die relevanten Aspekte zur Arbeitsfähigkeit zusammenzutragen. Teilweise zeigen sich psychische Probleme erst im Laufe des BEM-Prozesses oder sind eng mit körperlichen Beschwerden verknüpft. Eine aktive Gesprächsführung, die aber genügend Raum für die BEM-Nehmerin bzw. den BEM-Nehmer lässt, ist entscheidend, um diese Zusammenhänge aufzudecken.

Eine Grundlage für die Situationsanalyse kann die Gefährdungsbeurteilung mit Schwerpunkt psychischer Arbeitsbelastungen sein. Da diese von einem durchschnittlichen Arbeitsplatz ausgeht, muss immer das individuelle Erleben abgefragt werden. Typischerweise sind oft unklare Arbeitssituationen oder solche mit hohem Druck oder emotionalen Belastungen problematisch. Auch Schichtarbeit und häufig wechselnde Einsatzorte oder Aufgaben sind eher ungünstig.

In der anschließenden Lösungsphase stoßen viele BEM-Beratende an ihre Grenzen. Klassische Maßnahmen wie höhenverstellbare Schreibtische sind hier oft nicht zielführend. Eine Reduzierung des BEM auf finanzielle Unterstützung greift generell zu kurz.

Psychische Erkrankungen verlaufen nicht linear

Psychische Erkrankungen sind häufig durch Schwankungen in der Symptomatik gekennzeichnet. Dies erfordert eine flexible Anpassung der Maßnahmen im BEM und der Arbeitsgestaltung. Oft führt dies auch zu Irritationen bei den Kolleg:innen und der Führungskraft. Aufgrund der fluktuierenden Symptomatik und der Tendenz der Betroffenen zur Selbstüberforderung ist eine längere kontinuierliche Begleitung günstig. Dabei muss darauf geachtet werden, dass es weiterhin ein BEM-Prozess bleibt und kein „Hilfstherapeutenkontakt“ oder eine „Selbsthilfegruppe“ wird. Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist Klarheit notwendig.

Grundsätze für den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen

Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi (2019) hat wichtige Grundsätze für den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen formuliert. Diese lassen sich auf die Arbeitswelt übertragen und umfassen:

  • Kleines, unterstützendes Team: Ein enges und stabiles Arbeitsumfeld ist förderlich.
  • Gemeinsame Zielsetzung: Ziele sollten gemeinsam mit der Mitarbeiterin bzw. dem Mitarbeiter entwickelt werden.
  • Kontinuierliche Begleitung: Eine langfristige Betreuung ist wichtig.
  • Graduelle Belastungssteigerung: Die Arbeitsbelastung sollte langsam erhöht werden.
  • Stabile Arbeitsumgebung: Ein vorhersehbarer Arbeitsalltag reduziert Stress.
  • Wertschätzende Kommunikation: Eine offene und wertschätzende Kommunikation ist unerlässlich.
  • Keine Stigmatisierung: Betroffene sollten als geschätzte Mitarbeiter:innen behandelt werden.

Der Vorteil von diesen Grundsätzen ist, dass sie allen Beschäftigten zugutekommen und so einen eindeutig präventiven Charakter haben. Auch kommt in diesen Grundsätzen ein zentraler Handlungsgrundsatz für Menschen mit psychischen Erkrankungen zum Ausdruck: Belastungen reduzieren, Ressourcen aufbauen.

So einfach diese Grundsätze erscheinen, so komplex ist die Umsetzung in der Praxis. Auch wenn die Behandlung der unterschiedlichen psychischen Störungen ähnlich ist, sind die Krankheitsverläufe ausgesprochen individuell. Gerade hier gilt der Merksatz des BEM: „Kennst Du einen BEM-Fall, so kennst Du einen BEM-Fall“. Jedes BEM ist anders und gerade bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung ist eine individuelle Betrachtung notwendig. Beispielsweise ist eine Tätigkeit im Homeoffice gut geeignet, Belastungen zu reduzieren, dafür können die fehlenden Kontakte zu den Kolleg;innen eher nachteilig sein. Flexible Arbeitszeitmodelle können auf die jeweilige Belastbarkeit gut angepasst werden, dafür fallen klare Strukturen weg, was wieder tendenziell ungünstig ist. Eine Lösung muss für jeden Einzelfall erarbeitet und ausprobiert werden. Idealerweise erfolgt dies in enger Abstimmung mit dem:der behandelnden Therapeuten:in. Auch externe Beratungsangebote wie der Integrationsfachdienst (IFD) bieten wertvolle Unterstützung.

Grundsätzlich vorteilhaft, auch zur Prävention, ist eine allgemeine Aufklärung im Unternehmen über das Phänomen „Psychische Erkrankungen“. Die Forschung hat gezeigt, dass eine solche die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Eingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen erhöht. Ob im Einzelfall das Team oder die Führungskraft über die Erkrankung informiert werden soll, hängt von der jeweiligen Situation ab. Grundsätzlich kann dies zu einer Entlastung der betroffenen Mitarbeiterin bzw. des betroffenen Mitarbeiters führen – vorausgesetzt, die andere Seite kann mit dieser Information gut umgehen! Insbesondere wenn die Teamsituation gerade sehr konfliktgeladen ist und die Führungskraft z.B. selbst unter Druck steht, kann dies zu Schwierigkeiten führen. Eine solche Situation ist auch generell eher nachteilig für eine erfolgreiche Integration. Hier sollte eventuell eine begleitende Mediation genutzt werden.

Fazit

Der Umgang mit psychischen Erkrankungen im Rahmen des BEM stellt Unternehmen vor besondere Herausforderungen. Mit einer offenen Unternehmenskultur, gezielten Schulungen und individuell angepassten Maßnahmen können Betriebe jedoch einen entscheidenden Beitrag zur Integration von Menschen mit psychischen Erkrankungen und der Gesundheit ihrer Mitarbeiter:innen leisten. Das BEM bietet hierbei die Chance, nicht nur die Arbeitsfähigkeit zu sichern, sondern auch langfristig eine allgemeine, inklusive und wertschätzende Arbeitsumgebung zu schaffen. Dies kommt wiederum allen Beschäftigten zugute.

Literatur

Ciompi, Luc 2019. Affektlogik: Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. 4. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

Hengartner, M. P. (2017). Lebenszeitprävalenzen psychischer Erkrankungen. Obsan Bulletin 5/2017. Neuchatel. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

Knieps, Franz, und H. Pfaff. Arbeit und Gesundheit. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2018.

Meyer, R. 2006. Psychische Erkrankungen in Europa: Lebenszeitrisiko mehr als 50 Prozent. Deutsches Ärzteblatt PP 5 (1) 25.

Swiss Life 2019. Swiss Life-BU-Report: Anstieg um 40 Prozent. Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Erkrankungen berufsunfähig 24.04.2019. https://www.swisslife.de/presse/pressemitteilungen/mediareleases/newsfeed/2019/SLBU-Report1.html. Abrufdatum 9/2919.

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Über den:die Autor:in

Dr. Frank Stöpel

Diplom-Pädagoge mit Schwerpunkt Berufliche Rehabilitation, Promotion in Arbeitspsychologie. Herausgeber des Newsletters BEM-Aktuell und Fachautor.